Wie könnte eine IT-Landschaft aussehen:
Digitale Souveränität ist lange ein politisches Schlagwort gewesen.
Jetzt wird sie zur operativen Frage für Unternehmen.
Ein aktuelles Beispiel zeigt, wie konkret diese Debatte geworden ist: Am Internationalen Gerichtshof in Den Haag kommt zunehmend OpenDesk zum Einsatz. Ein offenes Programmpaket europäischer Softwarehersteller, vollständig Open Source, mit offenem Quellcode. Brancheninsider berichten, dass die Datenübertragung größtenteils abgeschlossen ist. Der Arbeitsalltag von Richter:innen, Dolmetscher:innen, IT-Fachleuten und Verwaltung soll in absehbarer Zeit vollständig ohne die bekannten US-Plattformen funktionieren.
Dieses Projekt ist mehr als eine technische Migration.
Es ist ein Präzedenzfall.
Warum Europas digitale Abhängigkeiten plötzlich sichtbar werden
Über Jahre war die Dominanz von Microsoft und Google im Unternehmensumfeld kaum hinterfragt. Zu stabil wirkten die Services, zu bequem die Integration, zu gering der kurzfristige Leidensdruck.
Doch geopolitische Entwicklungen verändern den Blick.
Seit die transatlantische Wertegemeinschaft politisch unter Druck geraten ist, werden die Risiken digitaler Abhängigkeiten offenkundig. Datenhoheit, rechtliche Zugriffsmöglichkeiten, extraterritoriale Gesetzgebung und politische Einflussnahme sind keine theoretischen Szenarien mehr.
Auch in der Politik ist diese Erkenntnis angekommen.
Auf dem europäischen Gipfel für digitale Souveränität Mitte November betonte Bundeskanzler Friedrich Merz, Deutschland müsse digitale Abhängigkeiten reduzieren – sowohl von China als auch von den USA. Die Bundesverwaltung solle künftig deutlich stärker europäisch beschaffen.
Für den Mittelstand ist das keine abstrakte Debatte.
Es ist eine strategische Frage der Zukunftsfähigkeit.
Welche Microsoft- und Google-Services nutzen Unternehmen heute?
In der Praxis sind viele mittelständische Unternehmen tief in die Ökosysteme integriert.
Typische Microsoft-Abhängigkeiten im B2B-Umfeld:
- Microsoft 365 mit Outlook, Word, Excel, PowerPoint
- Exchange Online für E-Mail-Infrastruktur
- SharePoint und OneDrive für Dokumentenmanagement
- Microsoft Teams für Kommunikation und Zusammenarbeit
- Azure für Cloud-Infrastruktur, Identitätsmanagement und Hosting
- Active Directory als zentrales Identitätssystem
Typische Google-Abhängigkeiten:
- Gmail und Google Workspace
- Google Drive und Docs
- Google Meet
- Google Cloud Platform für Datenverarbeitung, APIs und KI-Services
- Google Analytics und weitere Tracking-Tools
Diese Services sind funktional leistungsfähig.
Aber sie bündeln zentrale Geschäftsprozesse, Datenflüsse und Identitäten bei wenigen globalen Anbietern.
Wie könnte eine IT-Infrastruktur ohne diese Abhängigkeiten aussehen?
Eine souveräne IT-Architektur bedeutet nicht Verzicht auf Digitalisierung.
Sie bedeutet bewusste Gestaltung.
1. Office und Kollaboration
Statt Microsoft 365 oder Google Workspace kommen Open-Source-basierte Alternativen infrage:
- OpenDesk oder LibreOffice für Dokumente
- Nextcloud für Filesharing und Kollaboration
- Matrix oder Open-Source-Chatlösungen für interne Kommunikation
- Europäische Videokonferenzlösungen mit eigener Datenhaltung
2. E-Mail und Identitäten
- Eigenbetriebene oder europäische Mailserver
- Open-Source-Verzeichnisdienste statt Cloud-Identitätszwang
- Klare Trennung von Identität, Anwendung und Infrastruktur
3. Hosting und Infrastruktur
- On-Premise-Rechenzentren oder europäische Cloud-Provider
- Hybrid-Modelle mit klarer Datenklassifizierung
- Keine automatische Abhängigkeit von Hyperscalern
4. Daten und KI
- Daten bleiben dort, wo sie entstehen
- KI-Modelle werden bewusst ausgewählt, auch Open-Source
- Transparente Trainings- und Auswertungsprozesse
Warum der Mittelstand nicht von heute auf morgen umsteigen muss
Digitale Souveränität ist kein Big-Bang-Projekt.
Sie ist ein Transformationsprozess.
Für viele Unternehmen ist ein intelligentes Hybrid-Modell der realistische Weg:
kritische Daten und Kernprozesse souverän, ergänzende Services bewusst gewählt.
Entscheidend ist nicht der vollständige Verzicht auf US-Anbieter.
Entscheidend ist, wieder handlungsfähig zu werden.
Wer weiß, wo seine Daten liegen,
wer Alternativen kennt,
wer Architekturentscheidungen bewusst trifft,
ist nicht abhängig – sondern flexibel.
Fazit: Digitale Souveränität ist Führungsaufgabe
Das Beispiel aus Den Haag zeigt, was möglich ist.
Nicht ideologisch, sondern pragmatisch.
Für europäische Unternehmen bedeutet das:
IT-Infrastruktur ist kein reines Technikthema mehr.
Sie ist eine strategische, rechtliche und politische Entscheidung.
Digitale Souveränität beginnt nicht mit Verboten.
Sie beginnt mit Transparenz, Architekturkompetenz und dem Mut, bestehende Abhängigkeiten zu hinterfragen.
Über esacom
Wir begleiten mittelständische Unternehmen bei der Planung und Umsetzung souveräner IT-Infrastrukturen.
Von On-Premise-Architekturen über hybride Modelle bis hin zu KI-Strategien mit klarer Datenhoheit.









